Sommerlast – Dringende Bitte um Unterstützung

Obdachlos auf unseren Straßen.

Die Hitze ist schlimmer als die Kälte. Das sagen die Fachleute – nämlich die Betroffenen. Durst, Austrocknung, Pflegemangel, Verbrennungen (!) – die Liste der Belastungen ist noch länger. Schenkt ihnen Wasser, auch einmal ein Eis, Säfte, Dinge die kühlen und den Flüssigkeitsbedarf alkoholfrei stillen.

Wer mehr wissen will:

https://www.ndr.de/ratgeber/Wasserflaschen-fuer-Obdachlose,obdachlose394.html

https://www.rtl.de/cms/sommerhitze-in-deutschland-so-koennen-sie-obdachlosen-jetzt-helfen-4376946.html

Bericht der Katholischen Kirche vom 17. Juli 2020

https://www.kath-kirche-hannover.de/presse/news-anzeigen/artikel/modellprojekt-oder-hau-ruck-loesung/

Buchstäblich in letzter Sekunde: Stadt und Region Hannover finden neue Immobilien für Obdachlosenhilfe. Caritas und Diakonie betreuen weiter. Doch fehlt ein weitergehendes Konzept.

Der Mietvertrag läuft aus, das Zimmer muss geräumt werden, doch wohin? Wieder zurück auf die Straße? 65 obdachlose Menschen standen vor genau dieser Situation. Sie hatten seit Mai dieses Jahres, als es durch die Corona-Pandemie schlicht zu gefährlich war, auf der Straße zu leben, eine Unterkunft in der Jugendherberge Hannover gefunden. Betreut von der Caritas und der Diakonie waren zwischenzeitlich über 100 von ihnen dort untergebracht.

Statt Ladeneingang, Busch oder Massenunterkunft mit Betten in 50 Zentimeter Abstand nun ein Einzelzimmer. Mit Dusche. Eine Tür, die abgeschlossen werden kann. Keine ständige Angst um die letzten Habseligkeiten, keine Angst vor Überfällen.

Ruhe, Zeit und Betreuung: „Diese Wochen waren für viele sehr positiv“, betont Ramona Pold. Die Sozialarbeiterin des Caritasverbandes koordiniert das Projekt. „Wunden konnten ausheilen, Erkältungen auskuriert werden, der Konsum von Alkohol hat abgenommen“, berichtet sie weiter. Kurz: „Die Menschen entwickeln erst Vertrauen und dann Zuversicht.“

„Die Mitarbeitenden haben einen Zugang zu den Menschen gefunden, einige konnten ins Hilfesystem, wie das ambulant begleitete Wohnen oder die Krankenwohnungen der Diakonie und Caritas vermittelt werden“, ergänzt Diakonie-Kollegin Ursula Büchsenschütz. Andere fanden eine Wohngemeinschaft oder eine andere Bliebe, zwölf von ihnen Arbeit. Ohne den, wie Ramona Pold es beschreibt, „Urlaub von der Straße“ wäre das niemals gelungen.

Erfolgsgeschichte auf der Kippe?

Doch stand diese Erfolgsgeschichte auf der Kippe: Die Unterkunft in der Jugendherberge war schon einmal verlängert worden. Mit Appellen haben sich Caritas und Diakonie an die Stadt Hannover gewendet –  mit der dringenden Bitte eine neue Unterkunft für die Wohnungslosen zu finden. Die beiden Wohlfahrtsverbände hatten unter dem Titel „Zwischeraum“ bereits vor Wochen ein entsprechendes Konzept zum Fortführen der Arbeit  vorlegt. Die Stadt und die Region Hannover sowie das Land Niedersachsen und Region hatten die befristete Unterbringung in der Jugendherberge finanziert. Vom Land und der Region kamen deutliche Signale, dass sie weiter Geld geben. Was fehlte: eine geeignete Immobilie für die gesicherte Unterkunft.

In buchstäblich letzter Minute, einen Tag vor Auslaufen des Mietvertrages konnten Stadt und Region eine Lösung präsentieren. Ein Hotel und ein Gästehaus wurden angemietet. Die 65 ehemals Wohnungslosen konnten umziehen. Sie werden weiter von der Caritas und der Diakonie betreut.

„Wir sind sehr froh über die aktuelle Entwicklung“, sagt Andreas Schubert, Vorstand des Caritasverbandes Hannover.  Es sei notwendig, die Menschen in der Corona-Krise gut und geschützt unterzubringen. „Es ist aber ebenso wichtig, Ihnen mit Beratung und Begleitung zur Seite zu stehen, das zeigen die Erfahrungen der letzten Wochen“, unterstreicht Schubert.

Mit den beiden von der Stadt und der Region zur Verfügung gestellten Immobilien sei eine wichtige Etappe erreicht. Schubert:  „Wir freuen uns, dass wir die Zusammenarbeit mit der Diakonie fortsetzen können.“

Nach Darstellung von Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay arbeiten Stadt und Region  an einem Konzept für ein Modellprojekt. Dabei wird auf der aus der Corona-Not geborenen Betreuung zurückgegriffen: mit einer Kombination von Unterbringung und sozialpädagogischer Begleitung und Hilfe, verbunden mit einer Orientierungs- und Klärungsphase. So sollen „mit den Betroffenen Perspektiven für eine Überwindung der Wohnungslosigkeit entwickelt und in die Umsetzung gebracht werden“, ließ Onay erklären.

Nicht nur die Caritas und die Diakonie werden dieses Vorhaben genau beobachten. Auch der Anfang des Jahres gegründete Verein „Stimme der UngeHÖRTen“, kurz StiDU, der eine Ombudsstelle für Obdachlose aufbaut. „Solche Hau-Ruck-Lösungen in den Abendstunden sind kein Beleg für ordentliches Verwaltungshandeln“, empört sich StiDU-Vorsitzender Reinhold Fahlbusch. Das Problem sei keinesfalls gelöst: „Es gibt ein Recht der Betroffenen auf eine angemessene, menschenwürdige Unterbringung.“

Denn auch die beiden neuen Immobilien seien nur auf drei Monate gemietet. „Dieses ist eine Galgenfrist, innerhalb derer die Verwaltung unter Bereinigung der internen Schwierigkeiten eine endgültige Lösung festzurren muss“, empört sich Fahlbusch.  Das Mietende komme Mitte Oktober schneller als gedacht, so wie das Auslaufen des Vertrags mit der Jugendherberge: „Der gleiche Fehler darf nicht zweimal gemacht werden“, fordert Fahlbusch.

Außerdem sei offen, wie auf der Grundlage geltenden Rechts durch Gesetze, Verordnungen und Rechtsprechung die Standards der Unterbringung in Hannover eingehalten (beschrieben) werden, ergänzt die Vize-Vorsitzende von StiDU, Andrea Weinhold-Klotzbach. Denn wer unfreiwillig obdachlos ist – und das haben die Wohnungslosen durch den Einzug in die Jugendherberge deutlich gemacht – hat jahreszeitlich unabhängig Anspruch auf ganztägigen Aufenthalt: „Also nicht nur in den kalten Monaten, nicht nur für die Nacht und dann wieder raus“, erläutert die Juristin. Die Standards der Unterbringung seien aber eine Sache der Politik.

Hier macht sich StiDU für eine angemessene Einzelunterbringung stark. Das schütze die Gesundheit und die Privatsphäre der von Obdachlosigkeit Betroffenen. Zudem werden weitere Perspektiven möglich. Das hat die Hilfe von Caritas und Diakonie in der Jugendherberge mehr als deutlich gemacht. 

Von: Rüdiger Wala

Artikel aus der NP vom 15. Juli 2020

Ist hier noch Platz für Obdachlose?

Jugendherberge als Unterkunft: Stadt sucht nach Alternativen

Von Simon Polreich

Noch geöffnet für Obdachlose: Die Jugendherberge Hannover.Fotos: Archiv

Hannover. Werden die etwa 100 Obdachlosen, die seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Hannovers Jugendherberge untergebracht wurden, am Mittwoch doch nicht auf die Straße gesetzt? Offenbar erarbeiten Stadt, Region und Land derzeit unter Hochdruck mehrere Konzepte für eine alternative Anschlussunterbringung. Bislang hatten die Verwaltungen lediglich in Aussicht gestellt, dass Betreuungskonzepte nach der Sommerpause erarbeitet werden sollen, ansonsten aber an dem Ende der Unterbringung am 15. Juli festgehalten. Doch je näher der Termin rückte, desto schärfer wurde auch die Kritik daran.

Da der Vertrag mit der Jugendherberge am 15. Juli endet, prüfen die Beteiligten direkte alternative Anschlussmöglichkeiten, um obdachlosen Menschen weiterhin Schutz vor der Infektion zu bieten“, hieß es nun am Montag aus dem Rathaus. Die Landeshauptstadt Hannover, die Region und das Land Niedersachsen hätten die Jugendherberge zu Beginn der Corona-Pandemie als Nothilfemaßnahme und von vornherein als befristetes Angebot zu den bestehenden Unterbringungsangeboten für obdachlose Menschen in Hannover bereitgestellt. „Es war eine schnelle und unbürokratische Lösung – in einer Zeit, in der die Infektionszahlen noch stark gestiegen sind“, so Sprecherin Christina Merzbach. „Mit den nun sinkenden Infektionszahlen und damit einhergehenden Lockerungen der Corona-Restriktionen und der Rückkehr des öffentlichen Lebens ist die Pandemie derzeit nicht in einem akuten Stadium, aber dennoch nicht vorbei.“

Die weitere Nutzung der Jugendherberge als Unterkunft wurde laut Stadt ebenfalls geprüft. Die Verhandlungen zwischen den Vertretern der Jugendherberge, Stadt und Region Hannover hätten aber gezeigt, dass „die finanziellen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf beiden Seiten einer Fortsetzung des Vertrages entgegenstehen.“ Die Beteiligten arbeiten derzeit „mit Hochdruck“ an einer Anschlussmöglichkeit. „Dazu werden aktuell noch Gespräche geführt“, so die Sprecherin.

Droht also ein „Zurück auf die Straße“? Merzbach: „Grundsätzlich können sich die Personen, die derzeit in der Jugendherberge untergebracht sind, wie jede Person, die ein Dach über dem Kopf benötigt, an die Bauverwaltung, Bereich Unterbringung, wenden. Dann wird selbstverständlich eine Unterkunft zugewiesen. Dazu ist die Stadt rechtlich verpflichtet und dieser rechtlichen Verpflichtung kommt sie auch nach.“ Darüber hinaus werden die Menschen in der Jugendherberge aktuell über mögliche Anschlussunterbringungen in städtischen Unterkünften oder bei anderen Trägen beraten.

Das Umschwenken der Stadt in letzter Minute mag auch mit dem zuletzt stark gestiegenen Druck von außen zusammenhängen: Nicht nur Politiker hatten sich gegen ein auf die Straße setzen ausgesprochen. In einem offenen Brief hatte der Verein Stidu, der sich für Obdachlose in Hannover engagiert, am Sonntagabend die Verantwortlichen – darunter OB Belit Onay und Regionspräsident Hauke Jagau – scharf kritisiert. „Der Ausblick ist bitter! Zurück auf die Straße – das ist es, was die Landeshauptstadt Hannover nach aktuellem Stand zu verkünden weiß“, so der Vorsitzende Reinhold Fahlbusch. Das Ende der Mietzeit am 15. Juli sei nicht überraschend gekommen. Die zurückliegenden Wochen hätte man nutzen können, „um zu einer vernünftigen, menschenwürdigen Lösung zu kommen.“

Die Stadt hatte die Jugendherberge angemietet, damit Obdachlose während der Corona-Pandemie Schutz finden und nicht in Gemeinschaftsunterkünften und Mehrbettzimmern, in denen Abstandsregeln kaum einzuhalten sind, unterkommen müssen. Diese Situation drohe nun erneut einzutreten, obwohl, wie Caritas-Vorstand Andreas Schubert betont, Caritas und Diakonie in den letzten Wochen unter dem Titel „Zwischenraum“ ein Konzept zur Fortführung der Arbeit entwickelt haben. Dieses läge sowohl Stadt, Region und dem Land Niedersachsen seit einigen Wochen vor, so Schubert.

In einem Brief an OB Onay am Freitag unterstrichen beide Verbände nun erneut ihr Angebot, sich weiter in der Betreuung, Versorgung und Unterbringung der Menschen organisatorisch, finanziell und personell zu engagieren. Bislang sei die Umsetzung von einem „Zwischenraum“ an einer geeigneten Immobilie und einer gesicherten Finanzierung gescheitert, so Diakonie-Chef und künftiger Stadtsuperintendent Rainer Müller-Brandes in Richtung der Verwaltung. Zuletzt hatte sogar das Ehepaar Ricarda und Udo Niedergerke von der gleichnamigen Stiftung der Stadt 20.000 Euro als Überbrückungsfinanzierung angeboten und Belit Onay um eine „menschenwürdige Lösung“ gebeten.

Die Stadt Hannover scheint nun auf das Drängen der Vereine und Verbände reagieren zu wollen – sozusagen in letzter Minute. Noch vor dem Ende der Betreuung am Mittwoch wollen Stadt, Land und Region nun eine gemeinsame Erklärung zur weiteren Betreuung abgeben.

„Covid-19 wird zum Armutsproblem“ aus der HAZ vom 23. Juni 2020

Nach der Gewalt in Göttingen bekommt man den Eindruck, das Coronavirus trifft vor allem arme Menschen. Ist das so?

Arme Menschen leben in prekären Wohnsituationen, sie leben oft in sozialen Brennpunkten mit vier, fünf, sechs Familienmitgliedern auf 60 Quadratmetern eng zusammen. Da ist die Möglichkeit, sich aus dem Weg zu gehen, nicht gegeben. Im Vergleich mit Menschen in einer privilegierten Wohnsituation bedeutet das eine massive Beeinträchtigung der Gesundheit, der Teilhabe und der Möglichkeit an Gesundheitsprävention.

Heißt das, Covid-19 entwickelt sich zum Armutsproblem?

Das steht leider zu befürchten, auch wegen der wachsenden Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosenzahlen sind deutlich gestiegen. Es steht zu erwarten, dass die Armutsquote deutlich zunehmen wird.

Welche Gruppen sind noch bedroht?

Es gibt viele Menschen, die wohnungs- und obdachlos sind – für die ist das dramatisch. Sie können im Moment nicht auf Notunterkünfte zurückgreifen und sind zusätzlichen massiven Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Und an den sozialen Brennpunkten leben oft Menschen, die ein geringeres Bildungs- und Informationsniveau haben, oft mit Migrationshintergrund, und die mitunter gar nicht verstehen, worum es geht.

Was für Folgen hat das?

Wenn Maßnahmen verkündet oder diese Menschen aufgefordert werden, sich testen zu lassen, hapert es manchmal am Verständnis. Da müsste man mit anderen Informationsangeboten herangehen, mit niedrigschwelliger, einfacher Sprache oder Piktogrammen. Das sind grundsätzliche, auch interkulturelle Schwierigkeiten, die durchaus zu Gewaltausbrüchen wie in Göttingen führen können.

Was bedeutet die Corona-Pandemie konkret für arme Menschen?

Das fängt bei ganz existenziellen Situationen an. Stichwort: Ernährung, Lebensmittel. Und Preise für Lebensmittel haben in der Spitze wie bei Blumenkohl und Paprika über 50 Prozent zugelegt – als Folge der Corona-Krise. Die Preissteigerungen sind für Hartz-IV-Bezieher eine existenzielle Bedrohung

Was heißt das für die Gesellschaft?

Ich fürchte, wir werden aufgrund der wachsenden Spaltung der Gesellschaft zunehmend soziale Unruhen erleben, aus Angst, aus Bedrohung, aus existenziellen Nöten. Und die Wohnsituation, unser großes Thema in den letzten Jahren, ist zwar wegen Corona aus der Diskussion verschwunden. Aber wenn man sich solche Entwicklungen ansieht wie in Göttingen, dann bricht es sich eben doch Bahn.

Was muss getan werden?

Wir müssten für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen. Wir müssen über die Anmietung von Hotels für Obdachlose nachdenken. Wir müssen sofort die Hartz-IV-Regelsätze um 100 Euro pro Monat erhöhen. Die Armutskonferenz hat auch ein Helikoptergeld von 1000 Euro gefordert, also eine Einmalzahlung für arme Menschen. Menschen, die ständig rechnen müssen, sind mit der Bezahlung von Masken schon überfordert. Die können sich auch kein Handy leisten, um die Corona-Warnapp herunterzuladen. Da muss man auch wieder mehr über soziale Gerechtigkeit und Verteilungsgerechtigkeit diskutieren – und darüber, ob Superreiche durch eine Vermögenssteuer oder eine Erbschaftssteuerreform an der Finanzierung der Kosten dieser Krise beteiligt werden.

Von Interview: Thomas Strünkelnberg

Zurück auf das Pflaster

Am Donnerstag tagte der Sozialausschuss der Regionsversammlung. StiDU war dabei und fragte kritisch nach, was denn aus den Menschen nach dem 15.7. wird, wenn die Jugendherberge für sie zum Tabu wird.

Hier konnte man lernen, wie man auch als parlamentarisches Gremium, als Sozialpolitiker, ein Thema engagiert angehen kann. Der Landeshauptstadt, die dafür zuständig ist, war es in der Sozialausschusssitzung am vergangenen Montag nur eine „Fußnote“ im sehr blassen Bericht der (noch) Sozialdezernentin wert.

Egal, wo was gesagt wurde: das Ergebnis ist für die Betroffenen unbefriedigend. Am 15.7. ist Schluss in der Jugendherberge. Das wussten die Verwaltungen von Stadt und Region schon länger. Warum hat man nichts getan, um den in der Jugendherberge lebenden Menschen die Angst davor zu nehmen, wieder auf die Straße zu müssen? Liegenschaften hat die Stadt, die dafür zuständig ist, mehr als genug dafür. StiDU dankt den Frauen und Männern des Sozialausschusses der Region, die engagiert für die Menschen gesprochen haben.

Hier der Bericht der NP:

Obdachlosen-Hilfe muss im Juli aufhören – soll im Winter aber wiederkommen

Obdachlosen-Hilfe während der Corona-Pandemie: Seit April leben durchschnittlich 100 Obdachlose in der Jugendherberge nahe des Maschsees. Im Juli endet das Projekt, es soll im Winter aber wieder aufgelegt werden, kündigte die Region Hannover am Donnerstag im Sozialausschuss an.

Hilfe für Obdachlose in der Corona-Pandemie: Die Unterbringung in der Jugendherberge nahe dem Maschsee wird nicht über den 15.Juli hinaus verlängert, soll aber im Winter als ähnliche Einrichtung wieder aufmachen – ob an gleicher Stelle oder anderswo und ob dauerhaft, das will die Region in den kommenden Wochen mit Stadt Hannover und Land Niedersachsen klären und die Ergebnisse der Politik im Septemberdann vorstellen. Das sagte die Sozialdezernentin der Region, Andrea Hanke, am Donnerstag im Sozialausschuss der Region.

Das Pilotprojekt war im April gestartet, finanziell getragen wird sie mit über einer Millionen Euro zu gleichen Teilen von Stadt und Region Hannover sowie vom Land Niedersachsen, betrieben von Diakonie und Caritas. Ausgelegt ist die Herberge für 200 Obdachlose, rund 100 Obdachlose leben in der Jugendherberge aktuell, haben einen „Urlaub von der Straße“ angetreten, wie es Diakonie-Pastor Rainer Müller-Brandes im Ausschuss sagte. „Das, was wir gemacht haben, ist gut. Menschen, zu denen wir in der Vergangenheit nie einen Zugang hatten, haben sich geöffnet und sich helfen lassen.“ Übernachten durften dort nur Obdachlose, die vor Einzug eine Eingangsuntersuchung erfolgreich bestanden haben. Die Menschen schöpfen wieder Hoffnung

Caritas-Projektleiterin Ramona Pold sagte, dass Menschen mit schlechter Allgemeinverfassung aufgeblüht seien. „Menschen, die sich aufgegeben haben, schöpfen wieder Hoffnung.“ Ein Einzelzimmer mit Dusche und WC, so etwas hätten viele Obdachlose seit Jahren nicht gesehen. Ihre Bitte an die Politik: „So etwas darf nicht im Sande verlaufen.“ Ursula Büchsenschütz von der Diakonie berichtete von einem inzwischen mit der Caritas ausgearbeiteten Konzept mit Namen „Zwischenraum“, basierend auf den Erfahrungen der vergangenen Monate. Dieses Konzept soll der Regionsverwaltung als Grundlage für weitere Entscheidungen dienen.

„Wozu brauchte es eine Pandemie, um so ein Projekt aufzulegen“, fragte Sinja Münzberg von den Grünen. „Es gibt keine Alternative als dieses Projekt weiterlaufen zu lassen.“ Sie wollte von der Sozialdezernentin wissen, wieso man die Obdachlosen-Hilfe nicht über den 15.Juli hinaus weiterlaufen lassen könne. „Das ist auch eine Frage der Finanzierung, die Region alleine hat für drei Monate 340.000 Euro ins das Projekt investiert. Wir wollen es möglichst schnell unterstützen, und sind uns einig, mit den Partnern darüber zu sprechen.“, so die Dezernentin

Klippert: „Menschenleben nicht mit Geld aufwiegen“

Julian Klippert (Die Partei) appellierte an die Regionsverwaltung, sich nicht von finanziellen Dingen leiten zu lassen, „denn sonst fangen wir an, ein Menschenleben mit Geld aufzuwiegen“. Corona sei noch nicht vorbei und deshalb sagen, die Region könne es nicht alleine. Michael Fleischmann (Linke) forderte generell mehr Engagement für Obdachlose von Seiten der Region und Landeshauptstadt. „Die 15 Housing First-Wohnungen, die in Hannover geplant sind, sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Andere Städte wie Wien sind da viel weiter.“ Michaela Michalowitz (CDU) sagte, dass das, was man gehört habe, die Region zum Umdenken bewegen müsse. „Wir sollten aber nicht schnell schießen, sondern ein gutes Konzept entwickeln.“

Von Andreas Voigt

Soziales Krisenmonitoring als neues Instrument der LHH zur Beobachtung der sozialen Entwicklung

DAS IST EINE INNOVATION – zumindest hier.Die Stadtverwaltung beobachtet engmaschig Entwicklungen, um die Erfahrungen und Erkenntnisse zur Grundlage des Handelns zu machen. Das ist richtig gut. StiDU begrüßt das. Wie bei jeder Innovation wird der Optimierungsbedarf mitgeliefert!Und so kann die Stimme der UngeHÖRTen an dieser Stelle schon anmerken, welche Themen noch fehlen und in der nächsten Version enthalten sein müssen, damit die im Dunkeln nicht dort bleiben. Der drohende Wohnungsverlust ist zu beobachten. Andere Städte tun dieses. Die Wohnungslosigkeit als Zeichen wirtschaftlicher Schwäche wird nicht in den Blick genommen. Und die Zählung der Obdachlosen fehlt völlig. Wie will man für eine wachsende Gruppe der Stadtbevölkerung passende Politik machen, wenn man die Anzahl und Struktur nicht kennt? Geht nicht? Hannover kann sich ein Beispiel an Hamburg und Berlin nehmen. In NRW ist das schon ein alter Hut.