Rundbrief Nr. 9 vom 1. Dezember 2020

StiDU – Rundbrief Nr. 9

Sehr geehrte Damen und Herren,

jetzt im Advent mögen wir schöne Geschichten. StiDU hat eine davon erlebt:

Thomas ist obdachlos. Fast täglich kreuzen sich unsere Wege. Immer sprechen wir miteinander, auch wenn es kurz ist. Als es um die Gründung von StiDU ging, war er ein guter Berater.

Und so begegnen wir uns seit vielen Monaten.

In der letzten Woche war alles anders. Er wartete nicht, bis ich bei ihm stand, ihn ansprach. Seine Augen leuchteten, er strahlte über das ganze Gesicht, die Körperhaltung war auf einmal straff und aufrecht.

“Ich war der Erste, der im Hotel einziehen durfte!“

Ich erinnerte mich an Luthers Übersetzung: „Wovon das Herz voll ist, fließt das Maul über!“ Thomas erzählte es nicht nur mir. Er rief es auch anderen Passanten zu.

Bett statt Kirchentür. Heizung statt Nässe und Kälte. Lichtschalter statt Dunkelheit. Bad statt Busch.

Gestern sagte er mir: „Ich muss mich erst daran gewöhnen, aber es klappt.“

Sicherheit hinter der Tür, die er aus eigener Entscheidung schließen und öffnen darf.

Sicherheit in der Nacht, Sicherheit am Tag.

Die Selbsthilfeorganisation Wohnungsloser e.V. (SeWo) hat es organisiert, die NiedergerkeStiftung finanziert es. Ähnlich läuft es in Hamburg:

https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Grossspende-ermoeglicht-Hotelzimmer-fuer-weitere-Obdachlose-,coronavirus3758.html

Das, wovon Thomas berichtet, steht nicht nur dem Einzelnen zu; alle,  die nicht freiwillig obdachlos sind, haben ein Recht darauf. Warum versagt die LHH den Obdachlosen ihre Rechte?

Viele Städte im In- und Ausland bringen Obdachlose in Hotels unter. Die Landeshauptstadt Brüssel macht vor, was die Landeshauptstadt Hannover nicht begreifen will.

·      Warum verweigert sich die LHH an dieser Stelle, bringt die Menschen, auch Kranke, in Mehrbettzimmern unter?

·      Warum werden Massenquartiere wie „Alter Flughafen“ mit einem rechtlich unhaltbaren Standard aufrecht erhalten?

·      Warum schafft man einen Tagesaufenthalt am Ende der Stadt? 50 Plätze in Ahlem, angekündigt werden ein paar Wohnungen in Döhren. Was ist das für so viele? Es geht um Menschen in Not, direkt neben uns.

Wir befürchten, dass der Hauptzweck der Ankündigungen, denen bislang noch keine Umsetzung folgte, darin besteht, die Öffentlichkeit und die Medien zu sedieren. Denn zwei Stiftungen, so berichten die hiesigen Zeitungen, stellen Geld in sechsstelliger Höhe zur Verfügung – sofort und zweckgebunden für die menschenwürdige Unterbringung von Obdachlosen. Warum nutzt die Stadt das nicht?

Hannovers Zeitungen zitierten den Stadtkämmerer, man gebe pro Jahr für das Massenquartier „Alter Flughafen“ bei einer Belegung von 200 Personen 1.700.000€ aus. Das hört sich viel an. Aber es gibt nur 115 Plätze, von denen wegen des desolaten Zustandes des Massenquartiers nur ca. 70 % belegt sind.

„Wir leisten dem Kämmerer Kalkulationshilfe“ – das haben wir im StiDU-Rundbrief Nr. 8 versprochen. Hier folgen für Sie der Kalkulationsbeweis und darüber hinaus viele Gründe, die für eine andere, eine „Hannöversche Lösung“ sprechen. Einfach anklicken, lesen, beherzigen, umsetzen!

Für Schnellleser*innen:

·      Die Unterbringung in Hotels ist nicht teurer als in Massenquartieren des Bereichs Unterbringung der LHH

·      Dieses finanzielle Ergebnis wird erreicht, obwohl bei der Hotellösung ein besserer und fachgerechter Betreuungsschlüssel für die Sozialarbeit von 1:25 (statt bestehender 1:115 in der Massenunterkunft) kalkuliert wurde und Sicherheitspersonal 24/7 zur Verfügung steht. Die Anlagen enthalten weiterführende Informationen. Wer selbst rechnen will, kann uns schreiben und sich die EXCEL-Tabelle per Mail schicken lassen.

·      Die Hotelunterbringung ist gleichzeitig Wirtschaftsförderung. Insolvente Hotels werden dem Kämmerer keine Gewerbesteuer mehr zahlen; entlassene Mitarbeitende tragen nicht mehr zum Einkommensteueranteil der Stadt bei, sondern lassen im Gegenteil die Kosten des Sozialsystems steigen.

Vielleicht ziehen ja die finanziellen Argumente, wenn die Stadtverwaltung schon nicht auf die Empfehlungen der Region und des Robert-Koch-Instituts regiert.

Darum fordern wir die Verwaltung der Landeshauptstadt Hannover auf, der besonders belasteten Situation wohnungs- und obdachloser Menschen Rechnung zu tragen und ordnungsrechtliche Unterbringungsverfügungen für einzelne Hotelzimmer zu  erteilen. Für Anspruchsberechtigte nach SGB II,XII und dem AsylbLG werden dann die Kosten übernommen – so schreibt es die Region am 21.8.2020. Also geht die Rechnung für die Stadt noch besser auf, als wir kalkuliert haben. Und man hat gleichzeitig neben der Nacht- auch eine Tagunterbringung zum gleichen Preis – die Menschen haben einen Anspruch darauf!

Unser Appell: Menschenwürde an erster Stelle – den Alten Flughafen schließen!

Am 2.12. ist eine gemeinsame Sitzung des Bau- und des Sozialausschusses des Stadtrates angesetzt. Die Ratsopposition wird Anträge stellen, die Abhilfe schaffen können, die zeigen, dass man sich mit der Situation der betroffenen Menschen und in dieser Stadt auseinandergesetzt hat. Aber warum nur die Opposition?

Die Verwaltung legt einen Antrag vor, der wieder einmal nur in kleinen Mengen erproben will, was die „Jugendherberge“ bereits bewiesen hat. Ein Konzept, das viele Fragen offen lässt, bei dem die Fachleute der Sozialarbeit den Kopf schütteln. Man will mit 21 Plätzen beginnen, hofft irgendwann auf 70 weitere Plätze, und in Hannover überwintern die Menschen zu Hunderten auf der Straße, in Hauseingängen, im  Wald. Was ist, wenn es in drei Monaten nicht klappt? Zurück auf die Straße? Fragen über Fragen; ein Mensch ist kein Werkstück – dessen Reaktionen kann man nicht in eine Formel pressen.

Warum wählt man nicht für diesen Winter die Hotellösung und schafft sich Zeit, Gedankenfreiheit und dauerhafte Finanzquellen für eine menschenwürdige Lösung mit Sicherheit und Sozialarbeit? Warum wählt man nicht den erfolgversprechenden Weg für alle – nicht nur für 21?

Natürlich, dafür müssen in der Stadt veraltete und verkrustete Strukturen aufgebrochen werden. Nun haben wir einen (fast) neuen OB, einen neuen Baudezernenten und eine neue Sozialdezernentin. Die haben mit dem, was in der Vergangenheit schief lief, (noch) nichts zu tun.

Darum: Seien Sie mutig, denken Sie an die Menschen! Sie haben alle Argumente auf Ihrer Seite!Herzliche Grüße, uns allen wünschen wir eine gesegnete Adventszeit

Reinhold Fahlbusch          Andrea Weinhold-Klotzbach

1. Vorsitzender                  2. Vorsitzende