Artikel in der NP vom 24. Oktober 2020

Streit um Wohnungen für Obdachlose

Onay hat Platz für Flüchtlinge – und zieht damit den Zorn auf sich

Von Petra Rückerl

Hannover. Wo sollen die Obdachlosen hin? Der Druck auf die Stadt, und damit Oberbürgermeister Belit Onay, wächst. Die Corona-Fallzahlen steigen rasant, der Winter steht vor der Tür und die 17 Obdachlosen aus dem Naturfreundehaus sind noch immer auf der Straße. Erschwerend kommt hinzu: Zwei obdachlose Menschen aus dem Raschplatzmilieu sind gestorben.

Nachdem Onay in dieser Woche in einem ganz anderen Zusammenhang den Satz „Wir haben Platz“ aussprach, ist er seitens CDU, SPD und FDP im Stadtrat unter Beschuss. Wenn es Platz für Flüchtlinge gebe, müsse es auch Platz für Obdachlose geben, heißt es unisono. „Unsere Obdachlosen sind genauso wichtig wie Flüchtlinge“, meinte etwa FDP-Fraktionschef Wilfried Engelke. „Dass Herr Onay sich bei den Flüchtlingen so nach vorn stellt, passt einfach nicht zur Situation vor Ort.“

Die SPD warnte zwar davor, das eine Thema gegen das andere auszuspielen, dennoch „passt das nicht zusammen“, kritisierte Fraktionschef Lars Kelich Onay. Und auch die CDU setzt sich nun für die Einzelunterbringung obdachloser Menschen ein und hat sogar Ideen. „Es gibt leerstehende Wohnungen im städtischen Besitz, beispielsweise schon seit 2016 im Nachbarschaftstreff Mittelfeld oder auch im Geveker Kamp in Davenstedt und ich bin sicher, dass dies nicht die einzigen sind“, zählt CDU-Fraktionsvorsitzender Jens Seidel auf. „Der Oberbürgermeister muss schleunigst alle Optionen prüfen und unbürokratische Lösungen ermöglichen“, so Seidel.

Da ist er eng bei Vertretern von Obdachlosenhilfen wie Reinhold Fahlbusch, Vorsitzender vom Verein Stidu, also die „Stimme der Ungehörten“, die Ombudstelle für Obdach- und Wohnungslose in Hannover. Fahlbusch hat neben den städtischen Wohnungen am Geveker Kamp zwei weitere Vorschläge in petto. „Das ehemalige Schwesternheim in der Kleefelder Straße und ein Gebäudekomplex von kleinen Gartenhäusern aus den 1920er-Jahren in der Schulenburger Landstraße. Da haben sogar schon Obdachlose gewohnt und es gibt ein gutes Konzept vom Bollerwagenteam dafür. Mit den städtischen Wohnungen am Geveker Kamp in Davenstedt sind das etwa 250 Wohnungen“, rechnet Fahlbusch vor. Und: Sie seien gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. „Das ist ja auch wichtig.“

Dass die Gebäude zwar bezugsmöglich, aber nicht renoviert, saniert oder umgebaut sind, stört auch Fahlbusch nicht. „Man muss die Alternativen sehen, ich kann nicht eine perfekte Renovierung abwarten für jene, die jetzt in Not auf der Straße leben. Da muss ich Kompromisse eingehen.“ In die insgesamt 100 Wohnungen in der Kleefelder Straße könnten erst einmal 50 Menschen untergebracht werden. Die anderen Wohnungen würden dann peu a peu auf Vordermann gebracht.

Fahlbusch sieht keine Probleme: „Da haben vorher Krankenschwestern gewohnt und nicht die Hunnen gehaust.“ Zwar sei die Rede von Asbest in Leitungsummantelungen, „aber die liegen in der Regel im Keller und das Asbest wird nur dann freigesetzt, wenn ich es anfasse. Anfassen geht also später, aber sofort müssen Leute rein“. Eine entsprechende Betreuung durch Sozialarbeiter sei ohnehin dort geplant.

Die Vorschläge auch von CDU-Mann Seidel und FDP-Engelke stören die Opposition im Rathaus nicht, aber der Hintergrund. Es sei perfide, wenn CDU und FDP nun versuchten, Obdachlose und Geflüchtete gegeneinander aufzuwiegen, rügt Julian Klippert von „Die Fraktion“: „Bisher hat das im Rat hauptsächlich die AfD gemacht und ich dachte, dass sich eigentlich mittlerweile alle Parteien dazu entschieden hätten, nicht mehr auf diesem Niveau am rechten Rand zu fischen.“ Auch die SPD, die jahrzehntelang in der Regierungsverantwortung gewesen sei, agiere nun populistisch, findet er.

Alle Unterbringungen in Mehrbettzimmern – gleich ob Obdachlose oder Geflüchtete – „sind in Coronazeiten ein absolutes No-Go und dem gehört sofort Abhilfe geschafft. Wir haben leere Betten in Hotels, wir haben ein Jobcenter, welches sogar die Kosten übernehmen würde, wir haben Hotels, die auf jegliche Zusatzeinkünfte angewiesen sind“, so Klippert.



Quellenangabe: NP vom 24.10.2020, Seite 22

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