Artikel der HAZ zur aktuellen Situation Obdachloser in Hannover 23. Oktober 2020

Zweiter Obdachloser in Hannover auf offener Straße gestorben

Erst ein Toter am Raschplatz, dann einer an der Lister Meile: Für die Stadt kommen die Todesfälle zur Unzeit, hat sie doch gerade erst Wohnungslose aus dem Naturfreundehaus geworfen. Die Kritik an ihrer Politik hält seit Tagen an.

Innerhalb weniger Tage sind in Hannovers Innenstadt zwei Obdachlose auf offener Straße gestorben. Bereits am Dienstagnachmittag hatten Passanten am Raschplatz einen 45 Jahre alten Wohnungslosen tot entdeckt. Am Donnerstag bestätigte die Polizei, dass Zeugen einen 34 Jahre alten Mann aus Osteuropa leblos an der Lister Meile in der Nähe des Pavillons gefunden haben.

Ein Verbrechen schloss die Polizei in beiden Fällen aus. Der Tote von der Lister Meile sei offenbar krank gewesen und habe vor seinem Tod am frühen Mittwochmorgen schon tagelang über Unwohlsein geklagt, sagten Polizeisprecher. Warum er keine ärztliche Hilfe suchte, ist unklar. Auch der Mann am Raschplatz war laut Polizei infolge einer Krankheit gestorben.

Kritik an der Stadt hält an

Für die Stadt kommen beide Todesfälle zur Unzeit. Seit Tagen steht die Verwaltung in der Kritik, weil sie in der vergangenen Woche trotz steigender Infektionszahlen und des nahenden Winters 17 Obdachlose aus dem Naturfreundehaus auf die Straße gesetzt hatte und damit ein überraschend erfolgreiches Modellprojekt beendet hatte. Etliche der Menschen haben mittlerweile eine Wohnung gefunden, einige sogar eine Arbeitsstelle.

Schon in der vergangenen Woche hatten sich darum viele irritiert über das Handeln der Stadt gezeigt. Am Mittwoch verstärkte Oberbürgermeister Belit Onay (Grüne) das Unverständnis mit einem eigentlich gut gemeinten Satz: „Wir haben Platz.“ Damit bekundete der OB in einer Videokonferenz mit Kanzlerin Angela Merkel die Bereitschaft der Landeshauptstadt, weitere Geflüchtete aus Lagern in Griechenland aufzunehmen. Tatsächlich landete am Freitag ein Flugzeug mit Geflüchteten aus Griechenland in Langenhagen. Ein unbegleiteter Minderjähriger unter den rund 100 Menschen an Bord soll in Hannover leben.

In der öffentlichen Wahrnehmung entstand durch Onays Satz der Eindruck, er messe mit zweierlei Maß: Für Flüchtlinge ist Platz, Obdachlose werden auf die Straße gesetzt. Der Oberbürgermeister musste heftige Kritik von SPD, CDU, FDP und den „Hannoveranern“ für die Obdachlosenpolitik der Stadt einstecken. Die hielt auch am Donnerstag an: Selbst die Grünen forderten ihren OB zum Handeln auf. Auch Linke und die „Fraktion“ forderten eine Kurskorrektur.

Lärm, Gewalt und Diebstähle in Notunterkünften

Ändert die Stadt ihre Haltung nicht, sind geschätzt rund 400 Obdachlose in Hannover auf die Notunterkünfte der Stadt angewiesen. Das bedeute: nachts viele Menschen in einem Raum, Lärm, Gewalt und Diebstähle, sagt jemand, der sich um die Menschen kümmert. Viele mieden daher die Unterkünfte. Tagsüber müssen die Obdachlosen sie verlassen. Wegen der Pandemie gibt es aber gleichzeitig kaum Plätze in den Tagestreffs.

Obdachloseninitiativen forderten daher am Donnerstag, die Notunterkünfte auch tagsüber zu öffnen. Durch die reduzierten Kapazitäten in den Tagestreffs kämen die Wohnungslosen viel seltener mit Sozialarbeitern in Kontakt, denen sie gesundheitliche Probleme schildern könnten, sagt Jan Goering, Geschäftsführer der Selbsthilfe für Wohnungslose. Wenn die Stadt weiter an ihrer Unterbringungspolitik festhalte, würden „im Corona-Winter ein paar mehr Menschen als sonst auf der Straße sterben“. Auch Reinhold Fahlbusch vom Verein Die Stimme der Ungehörten forderte die Öffnung der Notunterkünfte auch tagsüber. So falle viel schneller auf, wenn ein Obdachloser dringend Hilfe brauche.

Von Karl Doeleke und Jutta Rinas

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