Beitrag in der HAZ vom 16. Oktober 2020

Es ist grausam, was da gerade geschieht“

Nachdem sie das Naturfreundehaus verlassen mussten, erwartet viele Obdachlose eine Zeit der Ungewissheit. Jetzt naht der Winter. Über das Ende eines geschützten Ortes.

Von Jutta Rinas

„Herzlich willkommen Juleica“. In großen Lettern prangt das Schild am Eingang des Naturfreundehauses inmitten der Kleingartenkolonie in der Nähe der Eilenriede. Es sind wohl künftige Gäste gemeint, die Abkürzung Juleica steht für ehrenamtliche Mitarbeiter in der Jugendarbeit. Das Schild sticht ins Auge, weil es das Geschehen an diesem Morgen auf so eine zynische Weise konterkariert. Denn die Menschen, die im Nieselregen das Naturfreundehaus verlassen, sind mit diesem Gruß eben nicht mehr gemeint, obwohl unübersehbar ist, wie viele von ihnen dringend ein „Willkommen“ an einem geschützten Ort bräuchten.

SPD: Akt sozialer Kälte

17 Obdachlose haben zuletzt noch im Naturfreundehaus gelebt, einer städtischen Notunterbringung in Zeiten der Corona-Krise. Ausgerechnet jetzt, mit Anbruch der kalten Jahreszeit und bei zeitgleichem Anstieg der Covid-19-Infektionen, beendet die Stadt das Projekt. Aus der Kommunalpolitik kommt harscher Protest. Es sei „nicht hinnehmbar“, dass die Stadt die Unterbringung von obdachlosen Personen in einer Pandemie nicht gewährleisten könne, ist von Seiten von SPD Hannover und SPD-Ratsfraktion zu hören. Dies sei „ein Akt sozialer Kälte, der nicht zu Hannover passt“.

Peinlich findet die CDU-Ratsfraktion, dass ein Erfolgsprojekt für Obdachlose zu Beginn der kalten Jahreszeit endet. Beide Fraktionen fordern Gespräche, Lösungen, bevor die Temperaturen den Gefrierpunkt erreichen.

Keine Kraft mehr für Empörung

Wer sich an diesem Morgen gegen
9 Uhr vor der Herberge einfindet, um zu erfahren, was für Menschen da in ein Leben ohne sicheres Dach über dem Kopf zurückgeschickt werden, erfährt vor allem, wie viele Gesichter Obdachlosigkeit hat. Da ist Angelika, 66. Spindeldürr ist sie, das Leben auf der Straße, die Drogen, haben sich tief in ihr Gesicht gegraben. „Da fängt der Winter an – und es ist mit dem Leben hier vorbei“, sagt die Frau leise, fast tonlos. Es ist bedrückend zu hören, dass ihr nach einem schweren Leben offenbar jede Kraft für Empörung fehlt. Einen Platz in einer Unterkunft in Vinnhorst hat sie gefunden, kein Einzelzimmer, sagt sie. Eigentlich wolle sie nicht dorthin. Sie ist schwer lungenkrank, gehört zur Hochrisikogruppe, sagt Caritas-Sozialarbeiterin Ramona Pold später bitter: „Sie hat einfach Angst.“

Die will Angelika wohl auf keinen Fall fühlen, im Gegenteil. Denn plötzlich poppt ein Moment früheren Glücks, eine Kindheitserinnerung, auf. „Ich kenn’ die Gegend hier von klein auf, ich war früher schon hier“, schwärmt die 66-Jährige. Das Ganze hat etwas zutiefst Surreales, weil sich zeitgleich immer mehr Männer auf den Weg ins Ungewisse machen. Die Stimmung ist extrem gedrückt. Eingewickelt in dicke Jacken, die wenigen Habseligkeiten in Plastiktüten gestopft, verlassen sie das Naturfreundehaus in Richtung Hermann-Bahlsen-Allee. Viele kommen aus Osteuropa, ein kurzer Gruß auf Polnisch geht noch in Richtung des Kumpels. Dann sind sie weg.

Hoffnung auf Arbeit

Manche können sich aber offenbar nicht lösen, wie dieser junge Mann, der seinen Namen nicht nennen will und Mitte 30 ist. Einen silbernen Rollkoffer hat er in der Hand, gut gekleidet ist er, frisch frisiert. Niemand würde ihn für einen Wohnungslosen halten. Warum ist er überhaupt hier? In Litauen sei er aufgewachsen, erzählt er, habe lange in Großbritannien gelebt. Vor einem halben Jahr sei er nach Deutschland gekommen, in der Hoffnung Arbeit zu finden. Wegen Corona sei er gestrandet, sagt er entschuldigend. Er habe aber mittlerweile Arbeit als Fisch- und Fleischverkäufer. Der Mann ist so höflich, schwankt so charmant zwischen Deutsch und Englisch, er könnte der Höhepunkt jedes Großmutter-Kaffeekränzchens werden. Wo er leben wird, bleibt diffus.

Viele Menschen müssten das Naturfreundehaus nach schweren Krankheitsverläufen verlassen, einem sei der Unterschenkel amputiert worden, erzählt Sozialarbeiterin Pold weiter. Seit kurz vor 6 Uhr morgens organisiert die Frau den Auszug aus dem Naturfreundehaus. „Manche Menschen haben bis zuletzt gedacht, sie dürfen doch bleiben“, sagt sie. Das Vertrauen, das sie aufgebaut hätten, sei komplett wieder weg. Auch Jamal Keller vom Diakonischen Werk versteht nicht, wie die Verwaltung eine so gute Sache aufgeben konnte. „Wir hätten nachbelegen können, es gibt so viel Bedarf, aber wir durften es nicht“, sagt er. Die Fassungslosigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Auch Heidi, die mit Krücken vor einem kleinen Auto steht, schafft den Absprung noch nicht. Schon früher hat sie mit Freund Sascha im Auto gelebt. Jetzt ist es im schlimmsten Fall wohl wieder soweit. Es sei grausam, was da geschehe, sagt die Frau, die wegen eines Schmerzsyndroms im Fuß nicht richtig laufen kann. Sie ist psychisch krank, war lange in Wunstorf in der Psychiatrie und rutschte dann ab. Im Sommer hätte man ja zelten oder draußen schlafen können. Aber jetzt? Ausgerechnet jetzt müsse man auf die Straße. „Wir bräuchten nur ein Zimmer, das man abschließen kann, damit uns keiner die Sachen klaut“, sagt die 38-Jährige.

In diesen Zeiten in Hannover inmitten der Corona-Pandemie ist das offenbar zu viel verlangt.

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