Unser Rundbrief zum Thema „Obdachlosigkeit im Sommer“ vom 13. August 2020

… wo bekomme ich jetzt etwas zum Trinken her?“

Das war die erfreute „Empfangsbestätigung“ für eine Tagesration Wasser.

Ein Griff, drehen, die Flasche war angesetzt und gleich leer.

Obdachlosigkeit im Sommer ist nicht „Ferienlager“!

Die Hitze ist schlimmer als die Kälte.

Das sagen die Fachleute – nämlich die Betroffenen.

Durst, Austrocknung, Pflegemangel, Verbrennungen (!) – die Liste der Belastungen ist noch länger.

Schenken Sie ihnen/ schenkt ihnen Wasser, auch einmal ein Eis, Säfte, Dinge die kühlen und den Flüssigkeitsbedarf alkoholfrei stillen. Wieviel Liter Wasser sollen wir täglich trinken?

Daher unsere Bitte: verteilen Sie/ verteilt diese Mail in Ihrem/euren Netzwerk als Aufruf zur Hilfe für die Menschen, die nicht einfach ‚mal an den Kühlschrank oder in den Keller gehen können, denen die Erfrischung einer Dusche oder des laufenden Wassers über die Unterarme versagt ist. Die Füße in den städtischen Brunnen? – sicherlich auch nicht mehr erfrischend und wie lange werden sie noch sprudeln? Und was würde der allgegenwärtige Ordnungsdienst dazu sagen?

Wir schwitzen alle, können aber nur theoretisch empfinden, wie das Leiden ist, wenn man auf der Straße lebt. Daher folgt ganz am Ende ein Text, der keine Fragen offen läßt. Verfasst von Dominik Bloh nach mehr als anderthalb Jahrzehnten Erfahrung als Jugendlicher bzw. junger Erwachsener in Obdachlosigkeit. Er verschaffte Hamburg den Duschbus, eine Initiative, die in Hannover stecken geblieben ist. Vielleicht machen wir auch damit engagiert weiter, der nächste Sommer kommt bestimmt.

Herzliche Grüße mit der Bitte um Verständnis, wenn die Mail mehrfach kommt. Das ist hierbei besser als nie.


Reinhold Fahlbusch      Andrea Weinhold-Klotzbach

1. Vorsitzender              2. Vorsitzende

Dazu Auszüge aus dem Text von Dominik Bloh zu eben diesem Thema:

Im Winter steht diese eine Sache über allen anderen Dingen: nicht erfrieren.
Darum ist man immer unterwegs.

Der Sommer ist ein ganz anderer Gegner. Ganz praktische Dinge, die einem das Jahr über eigentlich helfen, drehen sich jetzt um. Der Boden kann die meiste Zeit ein Kühlschrank sein. Die Lebensmittel, die man so verstaut hat, können eigentlich schon ein paar Tage halten, bei den hohen Temperaturen hat man schon nach nur kurzer Zeit nur Schmelzkäse. Das was man sonst so einkauft, geht bei der Hitze ein. Darauf muss man sich mit seiner gesamten Routine neu einstellen. 

Es ist kein gesundes Leben und die Probleme nehmen in dieser Jahreszeit eher noch zu. Ja, im Winter kann man über Nacht an Unterkühlung sterben. Der Sommer kann dir lebenslange Leiden zufügen. Die ganze Zeit unterwegs. Heute hier und morgen da, aber immer auf den Beinen. Das macht Marschfüße. So nennt man es auf der Straße, wenn der Fuß angeschwollen und voller Blasen ist.

Viele Menschen haben Kratzer, größere Wunden oder Hautkrankheiten vom stressigen Leben auf der Straße. Die Sonne verhindert den Heilungsprozess. Sie kann zu schlimmen Sonnenbränden und Verbrennungen führen. Sonnencreme haben die wenigsten um sich einzucremen, dass ist ein Luxusartikel auf der Straße.

Außerdem besitzt man einfach keinen Kleiderschrank. Man hat nur wenige Sachen zum anziehen. Nach ein paar Stunden ist alles durchgeschwitzt und so hat man einen Haufen dreckiger Wäsche.

Hygiene ein großes Thema. 
Es gibt nicht die Möglichkeit, einfach duschen zu gehen. 

Dann duschen, wenn man sich danach fühlt, das gibt es nicht auf der Straße.
Man versucht auf öffentlichen Toiletten oder in Bars und Restaurants so etwas wie Katzenwäsche zu machen. Oft wird man unfreundlich herausgeschrien. 

Waschen ist Würde. Das ist mir sehr klar geworden, denn das äußerliche Erscheinungsbild ist das erste Unterscheidungsmerkmal. Wer immer dreckig ist, wer so oft wie Dreck angeguckt wird, fühlt sich irgendwann wie Dreck. Auf der Straße geht alles verloren, auch das Selbstwertgefühl, das Selbstbewusstsein. 

Man kann vieles verstecken, nur seine Scham nicht.

Im Winter gibt es viel mehr Hilfsangebote als im Sommer. Das ist ein großes Problem. In dieser Jahreszeit muss man mit dem meisten selber klarkommen. Die Hitze steigt einem oft zu Kopf denn richtige Ortfe für eine Abkühlung gibt es nicht, am ehesten der Schatten unter einem Baum.

Im Winter mag man vielleicht Tüten voller Geschenke sehen, aber es wird einem schnell klar, dass dies nur Materielles ist. Denn das, was einem wirklich fehlt, ist diese Lebensfreude. Während alles um einen herum aufblüht, verwelkt man selbst innerlich. Man geht ein, denn man ist alleine. Alle Wege auf der Straße führen in die Einsamkeit.

Deshalb sind die kleinen Gesten der Hilfe so wichtig. Weil sie denen auf der Straße zeigen, dass sie nicht ganz alleine sind. Dass sie gesehen werden. Darum: schauen wir nicht weg. Und es ist ganz einfach, zu helfen: Bei dieser Hitze rettet Wasser Leben. Wir können jederzeit einfach an den Hahn und aus der Leitung kommt frisches, kaltes Wasser. Füllen wir ein paar Flaschen extra auf und geben sie aus. 

Den ganzen Text von Dominik Bloh erhalten Sie hier

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