Torgen Wittges Verein heißt HERZSCHLÄGER, für ein Trainingsprojekt für Menschen ohne Obdach wurde er ausgezeichnet!

Quellenangabe: NP vom 27.07.2021, Seite 33

Es hätte auch anders ausgehen können. „Ich habe viel Mist gebaut“, sagt Torge Wittke (44) über seine Schuljahre an der KGS Hemmingen, die er beinahe ohne Abschluss verlassen musste. Er habe gestört, „die körperliche Konfrontation gesucht“, wie er es aus der Distanz heraus vorsichtig formuliert. „Rugby war die Kehrtwende in meinem Leben.“ Mit 15 Jahren konnte er damit seine Energie kanalisieren. Und Energie hat der bullige Hannoveraner jede Menge.

„Herzschläger“ heißt der Verein, den er 2018 mit einem halben Dutzend Mitstreitern gegründet hat, die Krankenkasse DAK und Niedersachsens Europaministerin Birgit Honé (60) haben ihn kürzlich mit 1000 Euro Preisgeld im landesweiten Wettbewerb „Gesichter für ein gesundes Miteinander“ ausgezeichnet. Weil Wittke mit Menschen Sport macht, die ganz am Rand der Gesellschaft stehen.

„Es kotzt mich an, dass in einem Land wie Deutschland Menschen auf der Straße leben müssen“, sagt er mit klaren Worten. Der 44-Jährige wollte helfen. „Aber ich kann kein Haus bauen. Ich kann kein Essen kochen. Aber ich kann Menschen motivieren und ein Training anleiten.“ Das macht er zum Beispiel bei der Aktion „Sport im Park“ oder an öffentlich zugänglichen Outdoor-Geräteparcours. Wie etwa dem im Innenhof der Johann-Jobst-Wagenerschen-Stiftung.

Draußen tosen Autoverkehr, Stadtbahnen und die Enercity-Baustelle an der großen Glockseekreuzung, drinnen schirmen dicke Mauern und mächtige Bäume den Lärm ab. In seinem Testament sorgte der namensgebende Bäckermeister im Jahr 1784 dafür, dass in dem historischen Gebäude heute 80 Menschen wohnen können, die zuvor schwer einen Platz in der Gesellschaft gefunden hätten – weil sie krank, arm, obdachlos sind. In Hochbeeten ziehen die Bewohner hier Gemüse, Blumen und Stauden, Holzbänke laden zum Verweilen ein. Dazwischen stehen Outdoor-Geräte, an denen man Trizeps, Adduktoren oder Bauchmuskeln stärken kann.

„Jeder ist hier willkommen“, betont Torge Wittke, der mit seinem Verein auch zu Corona-Zeiten hier zweimal die Woche Training anbietet. Sport für obdachlose Männer und Frauen? „Es geht darum, im Sommer Reserven für den harten Winter aufzubauen“, sagt Wittke pragmatisch. Es geht aber auch um etwas anderes: „Austausch und Kommunikation.“ Ihm ist klar, „dass wir nicht das Gesamtproblem lösen, aber wir können den Menschen auf ihrem Weg Unterstützung geben.“

Die 1000 Euro Preisgeld fließen in neue Projekte. Denn der studierte Sportwissenschaftler, der in einer Vier-Tage-Woche in Halle an der Saale im Krebszentrum Leiter der Sport- und Bewegungstherapie ist, hat einen Traum: einen „Sozialsportverein“. Kostenlos, interreligiös, intersexuell, barrierefrei – „ein Raum, der sicher ist, und in dem niemand eine Randfigur ist.“ Denn unter „barrierefreiem“ Sport versteht Wittke nicht Hochleistungs-Handbiker beim Marathon, sondern zum Beispiel einen Rollator-Wettlauf. So ein Event hatte er schon zweimal geplant. Und musste zweimal wegen Corona absagen.

Sport ist der Schlüssel. Das galt auch für Wittkes Lebensweg, Rugby hat den Rüpel von einst gerettet. Ausgerechnet Rugby? Wittke weiß um die Bilder von wüsten Rempeleien, die viele Menschen sofort im Kopf haben. Er schüttelt den Kopf. „Rugby ist der fairste Sport der Welt. Es ist viel erlaubt, aber die Grenzen sind scharf gezogen.“ Auf dem Feld habe er Respekt und Zusammenhalt im Team gelernt. Und auch privat die Kurve gekriegt. Zehnte Klasse wiederholt, Abi 1996, jede Menge Titel. Mit dem DRC Ricklingen wurde Wittke fünfmal Deutscher Meister, trug sogar das Nationaltrikot.

Bei der Bundeswehr war er als Rugbyspieler im Sportförderprogramm, trainierte dreimal am Tag. Studierte Sportwissenschaften mit Schwerpunkt Rehabilitation und Prävention, startete das Projekt „Rugby geht zur Schule“ und arbeitete mit Fan-Forscher Gunter A. Pilz (77) zusammen. Es folgten berufliche Stationen bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur in Bonn („aber da sitzt man nur am Computer, mir fehlte der Kontakt zu Menschen“) und an der Medizinischen Hochschule in Hannover, wo er ab 2012 Sport mit chronisch kranken Kindern machte.

Klingt nach einem glasklaren Karriereweg. Wären da nicht noch die schillernden Seiten des 44-Jährigen. Am Kragen blitzt das Tattoo hervor, das ihm zusammen mit seinen Muskelpaketen 2003 einen Platz auf der Opernbühne verschaffte. Skandal-Regisseur Calixto Bieito (57) gab Wittke eine Rolle in der umstrittenen „Troubadour“-Inszenierung, die Hannovers Publikum aufwühlte und in zwei Lager spaltete. „Ich kam besoffen zum Casting“, erinnert er sich an die Zeit, in der er als Türsteher sein Studium finanzierte.

Während er vor Diskotheken und Clubs eher auf die Macht der Worte setzte („ich kann die Leute besinnungslos quatschen“), war auf der Bühne pure Körperlichkeit gefragt. „Ich musste mir die Klamotten runterreißen, mich prügeln, rauchen.“ Bieito hatte die Oper von Guiseppe Verdi als Gewaltorgie angelegt.

50 Vorstellungen gab Wittke in der Komparsenrolle („ich durfte sogar ein bisschen im Chor mitsingen“), der Höhepunkt war der Auftritt bei den Opernfestspielen im schottischen Edinburgh. „Sean Connery saß in der ersten Reihe“, erzählt Wittke ehrfürchtig. Damals sei er so nervös gewesen, dass er in einer Szene, in der er eine Bierdose an seinem Schädel zerschlagen musste, falsch zielte. „Das Blut spritzte nur so. Später haben die Leute den tollen Effekt gelobt.“

100 Kilo auf 1,85 Meter war damals das Kampfgewicht des Rugbyspielers. „Heute ist es ein bisschen mehr“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Der harte Kerl von einst hatte allerdings „Tränen in den Augen“, als er vor wenigen Wochen in einer Online-Preisverleihung die Auszeichnung für die „Herzschläger“ entgegennahm. Denn in der Kategorie „Gesundes Leben“ ging es um körperliche und seelische Fitness, auch die Mitbewerber waren mit tollen Projekten am Start.

Die „Herzschläger“ arbeiten nicht allein. „Es gibt tolle Kooperationen mit der Diakonie, der Caritas oder dem Bollerwagen-Café“, zählt Wittke auf. Mit seinen Aktionen für Menschen in wirtschaftlicher Not und Obdachlose will er Barrieren abbauen, Grenzen einreißen. „Wir leben in der Angst vor den Klischees in unseren Köpfen“, findet er. Und dann sagt der Vater eines achtjährigen Sohnes noch eine klugen Satz, der nicht nur für seinen eigenen Weg steht: „Es gibt im Leben immer Antworten.“

Torge Wittkes Verein heißt „Herzschläger“, für 
ein Trainingsprojekt für Menschen ohne Obdach wurde er ausgezeichnet. Die NP sprach mit dem ehemaligen Rugby-Nationalspieler über Klischees im Kopf, die Kehrtwende in seinem Leben und blutige Auftritte auf der Opernbühne.

Quellenangabe: NP vom 27.07.2021, Seite 33