Artikel der Neuen Presse vom 11. September 2020

Protest von „armutstinkt“ für bezahlbare Wohnungen

Hannover. Die Wohnungslosigkeit vieler Menschen ist ein Problem, das von der Corona-Pandemie noch verschärft wurde. Darauf machte eine Kundgebung des Vereins „armutstinkt“ aufmerksam, die zusammen mit den Betroffenen ein „langfristiges, bedarfsgerechtes und durchdachtes Unterbringungskonzept“ von der Stadt Hannover fordert. Ihr Schlagwort: „Menschenwürdige Unterbringung“.

Die ist nämlich nach Meinung der Wohnungslosen und der Sozialarbeiter des Vereins im Winternotprogramm der Stadtverwaltung nicht gegeben. „Der Herbst steht vor der Tür“, sagt Sozialarbeiter Alexander Eisele (28), der bei der Selbsthilfe für Wohnungslose arbeitet, „und die Stadt hat keine Antwort auf dringende Fragen zur Wohnungslosigkeit.“ Etwa drei Monate wohnten 100 Obdachlose in der Jugendherberge und konnten sich aus der Einzelunterbringung teilweise eine geregelte Existenz aufbauen. 40 von ihnen wurden nun im Naturfreundehaus untergebracht, allerdings nur bis zum 15. Oktober: „Es ist nicht klar, wie es dann weitergeht“, sagt Eisele.

Ohnehin seien die meisten Obdachlosen gezwungen, auf der Straße oder in Notunterkünften zu übernachten . Diese Einrichtungen, zu denen ein ehemaliger Baumarkt am Alten Flughafen gehört, sind nur nachts geöffnet. Dutzende Menschen schlafen hier in einem Raum. „Man kann sich vorstellen, was passiert, wenn ein oder zwei dort mal infiziert sind“, sagt Eisele. Für Markus Bauer (52), der selbst schon am Alten Flughafen übernachten musste und derzeit in einem Hotel unterkommt, ist Corona nicht das größte Problem: Er berichtet von Gewalt und Diebstahl in der Notunterkunft. „Das ist wie im Circus Maximus. Man geht dort rein und muss sich behaupten. Es gibt keine Privatsphäre und keine Rückzugsmöglichkeiten.“ Auch er fordert „adäquate Einzelunterbringung“. Stefanie Menzel (41) sagt, sie selbst sei durch die gezielte Gentrifizierung eines Wohnhauses in Vahrenwald obdachlos geworden. Die Notfallunterbringung ist auch für sie menschenunwürdig. „Wenn das Hotel nicht verlängert wird, gehe ich ins Zelt, aus Protest“, sagt sie. „Alles mit mehr als 20 Plätzen ist riskant“. Sie nennt alternative und sichere Wohnorte: Bauwagenplätze, Kleingärtenlauben. Dazu Hilfe für Betroffene, denen eine Räumung bevorsteht. „In der Stadt wird zu wenig an der Ursachenbekämpfung getan“, sagt Menzel. lib



Quellenangabe: NP vom 11.09.2020, Seite 15

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