Artikel aus der NP vom 15. Juli 2020

Ist hier noch Platz für Obdachlose?

Jugendherberge als Unterkunft: Stadt sucht nach Alternativen

Von Simon Polreich

Noch geöffnet für Obdachlose: Die Jugendherberge Hannover.Fotos: Archiv

Hannover. Werden die etwa 100 Obdachlosen, die seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Hannovers Jugendherberge untergebracht wurden, am Mittwoch doch nicht auf die Straße gesetzt? Offenbar erarbeiten Stadt, Region und Land derzeit unter Hochdruck mehrere Konzepte für eine alternative Anschlussunterbringung. Bislang hatten die Verwaltungen lediglich in Aussicht gestellt, dass Betreuungskonzepte nach der Sommerpause erarbeitet werden sollen, ansonsten aber an dem Ende der Unterbringung am 15. Juli festgehalten. Doch je näher der Termin rückte, desto schärfer wurde auch die Kritik daran.

Da der Vertrag mit der Jugendherberge am 15. Juli endet, prüfen die Beteiligten direkte alternative Anschlussmöglichkeiten, um obdachlosen Menschen weiterhin Schutz vor der Infektion zu bieten“, hieß es nun am Montag aus dem Rathaus. Die Landeshauptstadt Hannover, die Region und das Land Niedersachsen hätten die Jugendherberge zu Beginn der Corona-Pandemie als Nothilfemaßnahme und von vornherein als befristetes Angebot zu den bestehenden Unterbringungsangeboten für obdachlose Menschen in Hannover bereitgestellt. „Es war eine schnelle und unbürokratische Lösung – in einer Zeit, in der die Infektionszahlen noch stark gestiegen sind“, so Sprecherin Christina Merzbach. „Mit den nun sinkenden Infektionszahlen und damit einhergehenden Lockerungen der Corona-Restriktionen und der Rückkehr des öffentlichen Lebens ist die Pandemie derzeit nicht in einem akuten Stadium, aber dennoch nicht vorbei.“

Die weitere Nutzung der Jugendherberge als Unterkunft wurde laut Stadt ebenfalls geprüft. Die Verhandlungen zwischen den Vertretern der Jugendherberge, Stadt und Region Hannover hätten aber gezeigt, dass „die finanziellen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf beiden Seiten einer Fortsetzung des Vertrages entgegenstehen.“ Die Beteiligten arbeiten derzeit „mit Hochdruck“ an einer Anschlussmöglichkeit. „Dazu werden aktuell noch Gespräche geführt“, so die Sprecherin.

Droht also ein „Zurück auf die Straße“? Merzbach: „Grundsätzlich können sich die Personen, die derzeit in der Jugendherberge untergebracht sind, wie jede Person, die ein Dach über dem Kopf benötigt, an die Bauverwaltung, Bereich Unterbringung, wenden. Dann wird selbstverständlich eine Unterkunft zugewiesen. Dazu ist die Stadt rechtlich verpflichtet und dieser rechtlichen Verpflichtung kommt sie auch nach.“ Darüber hinaus werden die Menschen in der Jugendherberge aktuell über mögliche Anschlussunterbringungen in städtischen Unterkünften oder bei anderen Trägen beraten.

Das Umschwenken der Stadt in letzter Minute mag auch mit dem zuletzt stark gestiegenen Druck von außen zusammenhängen: Nicht nur Politiker hatten sich gegen ein auf die Straße setzen ausgesprochen. In einem offenen Brief hatte der Verein Stidu, der sich für Obdachlose in Hannover engagiert, am Sonntagabend die Verantwortlichen – darunter OB Belit Onay und Regionspräsident Hauke Jagau – scharf kritisiert. „Der Ausblick ist bitter! Zurück auf die Straße – das ist es, was die Landeshauptstadt Hannover nach aktuellem Stand zu verkünden weiß“, so der Vorsitzende Reinhold Fahlbusch. Das Ende der Mietzeit am 15. Juli sei nicht überraschend gekommen. Die zurückliegenden Wochen hätte man nutzen können, „um zu einer vernünftigen, menschenwürdigen Lösung zu kommen.“

Die Stadt hatte die Jugendherberge angemietet, damit Obdachlose während der Corona-Pandemie Schutz finden und nicht in Gemeinschaftsunterkünften und Mehrbettzimmern, in denen Abstandsregeln kaum einzuhalten sind, unterkommen müssen. Diese Situation drohe nun erneut einzutreten, obwohl, wie Caritas-Vorstand Andreas Schubert betont, Caritas und Diakonie in den letzten Wochen unter dem Titel „Zwischenraum“ ein Konzept zur Fortführung der Arbeit entwickelt haben. Dieses läge sowohl Stadt, Region und dem Land Niedersachsen seit einigen Wochen vor, so Schubert.

In einem Brief an OB Onay am Freitag unterstrichen beide Verbände nun erneut ihr Angebot, sich weiter in der Betreuung, Versorgung und Unterbringung der Menschen organisatorisch, finanziell und personell zu engagieren. Bislang sei die Umsetzung von einem „Zwischenraum“ an einer geeigneten Immobilie und einer gesicherten Finanzierung gescheitert, so Diakonie-Chef und künftiger Stadtsuperintendent Rainer Müller-Brandes in Richtung der Verwaltung. Zuletzt hatte sogar das Ehepaar Ricarda und Udo Niedergerke von der gleichnamigen Stiftung der Stadt 20.000 Euro als Überbrückungsfinanzierung angeboten und Belit Onay um eine „menschenwürdige Lösung“ gebeten.

Die Stadt Hannover scheint nun auf das Drängen der Vereine und Verbände reagieren zu wollen – sozusagen in letzter Minute. Noch vor dem Ende der Betreuung am Mittwoch wollen Stadt, Land und Region nun eine gemeinsame Erklärung zur weiteren Betreuung abgeben.

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