„Covid-19 wird zum Armutsproblem“ aus der HAZ vom 23. Juni 2020

Nach der Gewalt in Göttingen bekommt man den Eindruck, das Coronavirus trifft vor allem arme Menschen. Ist das so?

Arme Menschen leben in prekären Wohnsituationen, sie leben oft in sozialen Brennpunkten mit vier, fünf, sechs Familienmitgliedern auf 60 Quadratmetern eng zusammen. Da ist die Möglichkeit, sich aus dem Weg zu gehen, nicht gegeben. Im Vergleich mit Menschen in einer privilegierten Wohnsituation bedeutet das eine massive Beeinträchtigung der Gesundheit, der Teilhabe und der Möglichkeit an Gesundheitsprävention.

Heißt das, Covid-19 entwickelt sich zum Armutsproblem?

Das steht leider zu befürchten, auch wegen der wachsenden Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosenzahlen sind deutlich gestiegen. Es steht zu erwarten, dass die Armutsquote deutlich zunehmen wird.

Welche Gruppen sind noch bedroht?

Es gibt viele Menschen, die wohnungs- und obdachlos sind – für die ist das dramatisch. Sie können im Moment nicht auf Notunterkünfte zurückgreifen und sind zusätzlichen massiven Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Und an den sozialen Brennpunkten leben oft Menschen, die ein geringeres Bildungs- und Informationsniveau haben, oft mit Migrationshintergrund, und die mitunter gar nicht verstehen, worum es geht.

Was für Folgen hat das?

Wenn Maßnahmen verkündet oder diese Menschen aufgefordert werden, sich testen zu lassen, hapert es manchmal am Verständnis. Da müsste man mit anderen Informationsangeboten herangehen, mit niedrigschwelliger, einfacher Sprache oder Piktogrammen. Das sind grundsätzliche, auch interkulturelle Schwierigkeiten, die durchaus zu Gewaltausbrüchen wie in Göttingen führen können.

Was bedeutet die Corona-Pandemie konkret für arme Menschen?

Das fängt bei ganz existenziellen Situationen an. Stichwort: Ernährung, Lebensmittel. Und Preise für Lebensmittel haben in der Spitze wie bei Blumenkohl und Paprika über 50 Prozent zugelegt – als Folge der Corona-Krise. Die Preissteigerungen sind für Hartz-IV-Bezieher eine existenzielle Bedrohung

Was heißt das für die Gesellschaft?

Ich fürchte, wir werden aufgrund der wachsenden Spaltung der Gesellschaft zunehmend soziale Unruhen erleben, aus Angst, aus Bedrohung, aus existenziellen Nöten. Und die Wohnsituation, unser großes Thema in den letzten Jahren, ist zwar wegen Corona aus der Diskussion verschwunden. Aber wenn man sich solche Entwicklungen ansieht wie in Göttingen, dann bricht es sich eben doch Bahn.

Was muss getan werden?

Wir müssten für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen. Wir müssen über die Anmietung von Hotels für Obdachlose nachdenken. Wir müssen sofort die Hartz-IV-Regelsätze um 100 Euro pro Monat erhöhen. Die Armutskonferenz hat auch ein Helikoptergeld von 1000 Euro gefordert, also eine Einmalzahlung für arme Menschen. Menschen, die ständig rechnen müssen, sind mit der Bezahlung von Masken schon überfordert. Die können sich auch kein Handy leisten, um die Corona-Warnapp herunterzuladen. Da muss man auch wieder mehr über soziale Gerechtigkeit und Verteilungsgerechtigkeit diskutieren – und darüber, ob Superreiche durch eine Vermögenssteuer oder eine Erbschaftssteuerreform an der Finanzierung der Kosten dieser Krise beteiligt werden.

Von Interview: Thomas Strünkelnberg

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